Unterstützung auf Augenhöhe

Millionen Menschen aus Krisengebieten sind weltweit auf der Flucht, Hunderttausende von ihnen sind mittlerweile in Deutschland eingetroffen. Eine gelingende Teilhabe dieser Menschen mit der Perspektive einer aktiven Zugehörigkeit in Deutschland bedeutet eine enorme Herausforderung – und birgt gleichzeitig wertvolle Chancen. Wir sprachen mit Projektleiter Andreas Rebmann über den neuen Flüchtlingshilfe-Fonds der Software AG – Stiftung, der ehrenamtliches Engagement für Flüchtende und Angekommene nachhaltig befördern will.

Aus der akuten Notlage heraus sind bereits eine Menge bürgerschaftlicher Initiativen und Projekte für Geflüchtete entstanden. Wo sehen Sie in diesem Feld derzeit die größten Herausforderungen?

Nach der großen Welle der Hilfsbereitschaft im vergangenen Jahr gilt es jetzt vor allem, dieses beeindruckende Engagement über die Akutphase hinaus zu stärken und auszubauen. Dazu ist es wichtig, anzukommen und innezuhalten! Wir brauchen Begegnungsräume, in denen sich die verschiedenen Beteiligten ganz in Ruhe kennenlernen und austauschen können – und zwar auf Augenhöhe: Wie wollen wir denn eigentlich in Zukunft zusammenleben? Wie gehen wir mit dem uns Unbekannten um? Welche Lebensbedürfnisse bzw. Lebensentwürfe begegnen sich? Welche Qualitäten und Potentiale helfen uns dabei weiter – und wie können wir diese gemeinsam entwickeln?

Von welchen Leitmotiven ist der Fonds getragen?

Mir ist in der Entwicklung des Fonds ein Zitat von Karl König, dem österreichischen Kinderarzt, Heilpädagoge, Anthroposoph und Begründer der internationalen Camphill-Bewegung, begegnet. Er selbst flüchtete 1938 aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus Deutschland über die Schweiz und Italien nach Schottland. Ich finde dieses Zitat trifft genau den Kern unserer gesellschaftlichen Herausforderung.

„Nur die Hilfe von Mensch zu Mensch – die Begegnung von Ich zu Ich – ohne des Nächsten Bekenntnis, Weltanschauung und politische Bindung zu erfragen – sondern einfach das Aug-in-Aug-Blicken zweier Persönlichkeiten, schafft jene Räume, die der Bedrohung des innersten Menschseins heilend entgegentritt.“

Dann entdeckte ich im Zuge der Logoentwicklung und Motivsuche eine Fotodokumentation von Ali Kanaan, geboren im Libanon und aufgewachsen in Deutschland als Sohn eines palästinensischen Flüchtlings. Es gewährt eindrucksvolle fotografische Einblicke in ein palästinensisches Flüchtlingscamp im Libanon; hier wird unsere für den Fonds gewählte Bildmarke „Bank“ zu einem Ort des Verweilens und der Zuflucht, der Ruhe und Hoffnung. 

Bestärkt wurde ich zeitgleich durch einen Nachruf im Bankspiegel 1/2016 der GLS-Bank über den erst kürzlich verstorbenen Rolf Kerler, Mitbegründer der GLS-Bank. Er wünschte sich bei seinem Abschied in 2013 aus der Bank eine „Art zweite Bank in der Bank, in der ein Ausgleich gefunden werden kann zum dynamischen Geschäftsbetrieb des Täglichen, in der in Ruhe über das nachgedacht wird, was wirklich wichtig ist, und in der es gerade nicht um den äußeren Erfolg geht, sondern wo Sensibilität geübt wird und entstehen kann für Inspirationen, die Neues ermöglichen“. Beides unglaublich starke Motive und Gesten, die unseren Stiftungsansatz und unsere Motivation für diesen Schritt in Richtung Gründung eines Fonds prägen.

Von welchen „Hebeln“ versprechen Sie sich als Stiftung die größte und nachhaltigste Wirksamkeit?

Die Integration der Geflüchteten, aber auch die damit verbundene Öffnung unserer Gesellschaft ist ein Prozess, der langfristig und nachhaltig Unterstützung braucht. In diesem Zusammenhang sehen wir Bürgerstiftungen als einen wesentlichen Knotenpunkt für ehrenamtliches Engagement, denn sie verfügen über bewährte Strukturen, sind regional gut vernetzt und wissen, was vor Ort eine hohe Wirksamkeit erreicht. Deshalb fördert der Fonds von Bürgerstiftungen initiierte oder begleitete Initiativen. Wir wollen die Handlungsfähigkeit der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, aber auch die der Flüchtenden und Angekommene stärken, sodass diese ihr neues Leben selbst ergreifen und gestalten können. Dabei zielt der Fonds auch auf Integrations- und Unterstützungsmaßnahmen, die eine Ergänzung zu bestehenden Förderungen bilden oder in Bereichen wirken, in denen Förderungen bzw. Regelleistungen nicht greifen.

Welche konkreten Maßnahmen und Projekte werden gefördert?

Es geht hier nicht um den schnellen äußeren Erfolg. Wir wollen dazu ermutigen, auch in scheinbar festgefügten Verhältnissen ungewöhnliche und kreative Lösungen zu finden und sind überzeugt, dass dazu ein geschützter, aber freilassender Rahmen nötig ist. Wir setzen hier auf die Kraft und Qualität von Räumen, in denen alle Beteiligte zunächst ihre Bedürfnisse erkennen müssen, um dann jeweils eigene Lösungsansätze finden zu können. Mögliche Themen reichen von interkulturellem Training über ehrenamtlichen Sprachunterricht bis zu Schulungen zu rechtlichen Rahmenbedingungen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der regelmäßige Erfahrungsaustausch mit allen Beteiligten im Sinne eines Coachings und der Supervision. Vielleicht ist aber auch nur die Bereitstellung von Räumen, seien es Rückzugs- / Schutz- oder Begegnungsräume, Quelle kreativer Maßnahmen und Ideen.

Was ist das Besondere an dem neuen Fonds?

Wir verstehen den Fonds als eine übergreifende Plattform, die Ideengeber und Macher vernetzt. Uns ist es wichtig, dass wir partnerschaftlich mit anderen Stiftungen und Organisationen tätig werden. Schon jetzt sind die GLS Treuhand und der Bundesverband Deutscher Stiftungen – insbesondere der Initiativkreis Bürgerstiftungen – mit im Boot. An dieser Stelle möchte ich unseren Partnern in der GLS Treuhand sowie im Bundesverband Deutscher Stiftungen ausdrücklich für ihre Unterstützung in der Entwicklung des Fonds und der zugesagten Mitwirkung in der praktischen Anwendung danken. Nach einer ersten Zwischenbilanz im Herbst 2016 wollen wir dieses Bündnis kontinuierlich erweitern, deshalb wünschen wir uns ausdrücklich weitere Kooperationen mit Stiftungen, Firmen oder auch Privatleuten.

Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass der Fonds bei ersten Vorstellungen wie z. B. auf dem Deutschen Stiftungstag 2016 in Leipzig, in Gesprächen mit anderen Stiftungen und im Rahmen eines Fachgespräches mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung Mitte Mai auf sehr große Resonanz stieß. Uns wurde darin immer wieder bestätigt, dass er gerade durch seine „entschleunigende“ und freilassende Geste eine wirksame Ergänzung zu den bemerkenswerten Anstrengungen der öffentlichen Hand und anderer Verbände sein wird.